Erbe des Widerstands

Conykerth
Conny Kerth, Bundessprecherin der VVN-BdA

Liebe Ilse, liebe Familie Hausser,

Liebe Freundinnen und Freunde, Kameradinnen und Kameraden,

schade, dass Alfred heute nicht mehr persönlich bei uns sein kann. Schade, dass er nicht mehr mit uns am Colle de Lys war, dass er das tolle Wochenende in Rostock nicht miterlebt hat.

Wir vermissen ihn sehr! Nicht nur bei den „highlights“ unseres Organisationslebens – ganz besonders im Alltag fehlt er.

Alfred, der keine Auseinandersetzung scheute, sie aber immer ruhig und mitgroßer Besonnenheit führte. Vielleicht waren es diese Ruhe und Besonnenheit, die ihm die Kraft und den langen Atem gaben, nicht aufzugeben und immer dran zu bleiben:

• an der Auseinandersetzung um die Entschädigung der Überlebenden und Hinterbliebenen des Nazi-Terrors und
• am Kampf um die Anerkennung des Widerstands gegen den Faschismus, der vor allem ein Widerstand der Arbeiterbewegung und besonders der Kommunisten war;
auch am ständigen Kampf um den Erhalt der Organisation, die das Erbe des Widerstands trägt, seine VVN-BdA.

Dazu gehörte für Alfred die Auseinandersetzung mit Politik und Justiz ebenso wie das Werben um Mitglieder und Spenden. Wie viele Male drohte eines unserer politischen Projekte zu scheitern, bis Alfred kundtat, dass er einen Sponsor oder eine Sponsorin gefunden hatte?

Eine seiner größten Stärken war Alfreds Fähigkeit, Tradition und Wandel in seiner Person zusammenzuführen:

• Er, der kommunistische Widerstandskämpfer, dem die Klassiker der Weltliteratur geholfen haben, die Einzelhaft im faschistischen Kerker zu überstehen;
• der Zwangsarbeiter der Firma Bosch, der bis ans Ende seines Lebens um die Entschädigung seiner Leidensgefährten kämpfte;
der Prozessbevollmächtigte, der sich August Baumgartes Intervention im VVN-Verbots-Prozess gegen den Rat der Anwälte zu eigen machte;
der Hauptamtliche, der die VVN national und international als Repräsentant der deutschen Antifaschistinnen und Antifaschisten vertrat –

wer konnte besser für die Tradition stehen, als die Kreise der VVN-BdA sich am 13. Januar 1990 in Frankfurt/Main trafen, um die Organisation unter den neuen Bedingungen quasi neu zu erfinden?

Alfred stand mit seinen damals 77 Jahren zugleich für den Neuanfang:

• Er setzte sich aktiv mit den Anforderungen einer rein ehrenamtlichen Organisation auseinander und übernahm selbst wieder einen verantwortlichen Part;
• er war offen für die Forderung der Basis nach einer Struktur, die die Entscheidungsprozesse radikal von unten nach oben organisiert;
er hörte zu, wog ab und trat entschieden dafür ein, dass in einer partei- und generationsübergreifenden VVN-BdA unterschiedliche Zugänge zum Antifaschismus eine Selbstverständlichkeit sein müssen, dass die Gemeinsamkeit immer wieder neu erarbeitet werden muss und dass es nicht immer gelingt, zu allen Fragen eine gemeinsame Position zu haben.

Alfred stand und steht immer noch für eine lebendige VVN-BdA mit einer engagierten Diskussionskultur auf der Grundlage, die heißt: „Das Erbe des Widerstands bewahren.“ Wie die Welt sich ändert, so müssen wir immer wieder ausloten, wie dieses Erbe konkret werden kann.

Wir haben Alfred viel zu verdanken, nicht zuletzt die Erinnerung an einen warmherzigen, großzügigen und humorvollen Menschen, der trotzt mancher Schicksalsschläge und Enttäuschungen dem Leben und den Menschen zugewandt blieb.

Seine liebe Ilse

Ilse Werner

machte mich darauf aufmerksam, dass es sicher in seinem Sinne wäre, wenn sich hier und heute der eine oder die andere dazu entscheiden könnte, die Lücken, die unsere „Altvorderen“ hinterlassen, ein wenig aufzufüllen. Deshalb liegen auf den Tischen Aufnahmeformulare.

Wir wollen das Erbe des Widerstands bewahren und in die Zukunft tragen. Ob es klappt, ist – wie immer – eine Frage des Kräfteverhältnisses. In diesem und in Alfreds Sinne: wir brauchen Euch alle!