Ansprache Niko Landgraf 100. Geburtstag Alfred Haussers

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Alfred Hausser wäre am 27. August 100 Jahre geworden.

Seit dem 12. August 2003 ist er nun schon nicht mehr unter uns. Sein Tod war ein herber Verlust für alle, die ihn als Menschen schätzten und ein herber Verlust für alle Antifaschisten und Demokraten, denen er mit seinem unermüdlichen Engagement Vorbild war – auch und besonders für die Jüngeren.

NikoLnadgraf dgb
Niko Landgraf, DGB-Landesvorsitzender, DGB Ba.-Wü.
Es ist eine gute Idee, heute an ihn und sein Vermächtnis zu erinnern. Wir haben ihm viel zu verdanken. Und wir können auch heute noch viel von ihm lernen.

Er gehört zu einer Generation, die die Greuel der Geschichte des 20. Jahrhunderts leidvoll miterlebt hat. Er gehört aber zu dem – kleineren – Teil dieser Generation, der sich gegen Unrecht und Unmenschlichkeit, gegen den Faschismus wie gegen das Vergessen und Vertuschen in der Nachkriegszeit, immer engagiert hat.

Willi Bleichers Satz „Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken“ hätte auch von Alfred Hausser stammen können. Er konnte den aufrechten Gang.

Der DGB hat ihn nach seinem Tod als einen Weggefährten und Mitstreiter für eine gerechte, soziale, friedfertige und solidarische Gesellschaft gewürdigt. Ich will dies heute gerne erneuern.

Alfred Hausser kam aus einer Stuttgarter Arbeiterfamilie. Schon als Mechanikerlehrling bei der Firma Eckhardt schloss er sich der Arbeiterbewegung an. Mit 16 Jahren wurde er Mitglied des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes. Schon bald wurde er wegen seines Engagements von seinen Kolleginnen und Kollegen zum Jugendvertrauensmann gewählt.

Nach seiner Lehre teilte er das Los der sechs Millionen Arbeitslosen im Deutschen Reich, mit all dem sozialen Elend und der Perspektivlosigkeit.

Alfred musste die bittere Erfahrung machen, dass die soziale und wirtschaftliche Lage, aber auch die Uneinigkeit der Arbeiterbewegung, im Januar 1933 zur Machtübernahme der Nazis führte.

Er musste Widerstand leisten – das war für ihn klar. Mit seiner Verurteilung wegen Hochverrats 1936 begann für ihn der Leidensweg von Haft, Folter und Demütigung, der bis 1945 dauerte. Doch Alfred ließ sich nicht beugen. Selbst nicht durch die Zwangsarbeit für die Firma Bosch in den Jahren 1939 bis 1945, auch wenn die Schinderei in der Haft oft die Grenzen der physischen Belastbarkeit strapazierte.

Diese Zeit und das eigene Erleben ließen Alfred Hausser Zeit seines Lebens nicht mehr los. Und so ist eines seiner herausragenden Verdienste, die Erinnerung an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, auch der tiefsten Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung, wach gehalten zu haben.

Mit seinem Engagement in der VVN, von 1961 bis 1992 als deren Landesvorsitzender, hat er den Antifaschismus zu seinem Lebensinhalt gemacht. Ob es um die Frage der Entschädigung der Zwangsarbeiter ging oder um das Wiedererstarken von Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus – Alfred war immer ein Kämpfer.

Er war und bleibt für uns immer ein Vorbild.

Ein Vorbild wegen seiner Zivilcourage, ein Vorbild wegen seines aufrechten Gangs auch in schwierigen Zeiten, das Vorbild eines Menschen, der sich nicht verbiegen lässt, ein Vorbild auch für uneigennützige Hilfsbereitschaft und gelebte Solidarität.

Kaum einer hat so konsequent wie er sein Leben in den Dienst der Arbeiterbewegung und des Antifaschismus gestellt. Dafür gebührt ihm auch heute noch Dank und Respekt.

„Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“ Er hat diesen Schwur vorgelebt und mit seinem Beispiel und seinen Erfahrungen als Zeitzeuge an viele, besonders an junge Menschen, weitergegeben.

Antifaschismus ist nichts Rückwärtsgewandtes, sondern eine immer neue und leider viel zu oft traurige aktuelle Herausforderung.

Ich will nur einen Punkt herausgreifen – die Frage des NPD-Verbots.

Dieses Verbot ist längst überfällig. Rot-Grün muss diese Auseinandersetzung vorantreiben. Die Politik darf sich nicht hinter falschen und überzogenen Anforderungen an ein Verbotsverfahren verstecken. Meiner Meinung nach bestehen gute Chancen für ein Verbot, wenn man sich nicht ganz dumm anstellt. Ich halte einen neuen Verbotsantrag auch politisch für dringend geboten!

Das „öffentliche Herumgeeiere“ um das NPD-Verbot ist doch scheinheilig. Wenn man es politisch will, kann man die NPD verbieten – davon bin ich überzeugt! Der NPD muss endlich die Finanzierung durch Steuermittel und das Parteienprivileg entzogen werden.

Dass die Polizei immer wieder Naziaufmärsche schützen muss, wie demnächst wohl wieder in Göppingen, ist unerträglich. Schon deshalb ist ein Verbot überfällig!

Die Verfassungswidrigkeit der NPD ist mehr als offensichtlich – dazu benötigt man keine V-Leute mehr. Was man über die Verfassungsfeindlichkeit der NPD wissen muss, ist aus öffentlichen Quellen hinreichend bekannt.

Der frühere Verfassungsrichter Hans-Joachim Jentsch, der das NPD-Verbotsverfahren 2003 als Berichterstatter bearbeitet hatte, unterstrich schon vor Jahren, die Anforderungen an ein Verbot seien nicht so hoch wie oft behauptet werde. Ein Verfahren sei »jederzeit wieder möglich« – sagte er. Es müssten nur die V-Leute aus der NPD-Führungsebene „abgeschaltet“ werden.

Artikel 21 Absatz 2 des Grundgesetzes regelt das Verbot von verfassungswidrigen Parteien. Dieser Artikel ist endlich auf die NPD anzuwenden.

Natürlich würde ein Parteiverbot nicht alle Probleme lösen. Das Verbot ist aber ein zentraler Baustein in einem Strategiebündel. Man darf dabei nicht stehenbleiben, aber anfangen muss man wenigstens einmal!

Wenn wir uns dafür stark machen, dann führen wir auch das Lebenswerk Alfred Haussers fort. Er muss in unseren Taten weiterleben!

Vielen Dank!

Niko Landgraf, DGB-Landesvorsitzender DesDGB Ba.-Wü.